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Die ersten sieben Jahre (1975 bis 1982)
Die Radgenossenschaft konnte erst entstehen, als das 1926 gegründete
«Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse» der Pro Juventute aufgelöst wurde. Dieses war zwecks Auseinanderreissung der fahrenden Familienverbände gegründet und staatlich subventioniert worden. Diese Einrichtung zur Zerstörung der fahrenden Lebensweise wurde 1973 endlich gestoppt, nach langjährigen, zunächst vergeblichen, aber schliesslich erfolgreichen Protesten von betroffenen Jenischen, Sergius Golowin und dem Beobachter-Redaktor Hans Caprez. Erst jetzt konnten sich Schweizer Fahrenden, darunter vor allem Jenische, aber auch einige Sinti, immer auch unterstützt von sesshaften
Menschenrechtsaktivisten, in der Schweiz zu einer eigenständigen Organisation und Interessenvertretung zusammenschliessen.
Das geschah an der Gründungsversammlung der Radgenossenschaft als Interessengemeinschaft des Fahrenden Volkes am 31. April 1975 in Bern. Eine kurz zuvor (1973) gegründete und 1975 aufgelöste Vorläufer-Organisation war der jenische Schutzbund gewesen.
Eine wichtige Rolle bei der Gründung der Radgenossenschaft spielten die jenische Journalistin und Schriftstellerin Mariella Mehr
– sie war die erste Sekretärin der Radgenossenschaft – und Robert Waser, der erste Präsident der Radgenossenschaft. Auch der Schriftsteller, Politiker und vielfältige Kulturphilosoph Sergius Golowin war unter den Gründern.
Von Anfang an gab die Radgenossenschaft die bisher einzige Zeitung der Jenischen in der Welt heraus, das
«Scharotl» (so lautet das jenische Wort für Wohnwagen). Zu den ersten Aktivitäten gehörte die Übergabe einer von dem sesshaften Mitbegründer von Schutzbund und Radgenossenschaft René C. Goetschi verfassten Petition an das Parlament betreffend Lebensraum für die Nomaden in der Schweiz mit dem
Ersuchen um Stand- und Durchgangsplätze, die Forderung nach der Herausgabe der Akten und der Adresskartei des
«Hilfswerks» und finanzieller Abgeltung der durch die Verfolgung erlittenen Schäden, die Hilfe bei der Zusammenführung der getrennten Mitglieder jenischer Familien, die Öffentlichkeitsarbeit und das stete Bitten um finanzielle Unterstützung seitens öffentlicher und privater Institutionen oder durch Gönner und Gönnerinnen.

Zentral für die Arbeit der Radgenossenschaft war von Beginn an auch die Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln und Überlieferungen der Fahrenden, auf die jenische Sprache, auf die Geschichte, die Zeichen und Symbole der Fahrenden sowie die Verbundenheit mit den anderen Stämmen der Roma. Diese begannen auch in anderen Ländern erst in den 1960er und 1970er Jahren mit dem Aufbau eigener Organisationen und der Einforderung ihrer Bürgerrechte und dem Kampf gegen ihre Diskriminierung in den jeweiligen Ländern. Im Mai 1975 gab auch der Europarat seine ersten Empfehlungen zur Verbesserung der sozialen Lage der Nomaden in Europa ab.
1978 fand der zweite Romano Kongresso (nach dem ersten 1971 in London) in Genf statt. Die Organisation lag in den Händen von Dr. Jan Cibula, der anlässlich dieses Treffens die Internationale Romani Union gründete. Der Genfer Kongress wurde aber auch von der Radgenossenschaft unter ihrem damaligen Präsidenten, dem Kunstmaler Walter Wegmüller, aktiv unterstützt. Damals anerkannten die Roma die Jenischen als einen Stamm ihres Volkes. Radgenossenschafts-Präsident Wegmüller war auch dabei, als am 1. März 1979 zwölf Vertreter der Roma aus aller Welt, angeführt von Jan Cibula, darunter auch Romani Rose und Ian Hancock, die Aufnahme der Romani-Union in die UNO (ECOSOC) feiern konnten. Diese Reise an den UNO-Hauptsitz wurde vom Eidgenössischen Departement für Justiz und Polizei unterstützt, welches einen Teil der Reisekosten bezahlte. Das war eine Folge der Anhörung der Forderungen einer Delegation der Radgenossenschaft, bestehend aus Walter Wegmüller, Teresa Wyss, Jan Cibula, Sergius Golowin, Mariella Mehr, Erika Sidler und Baschi Bangerter sowie der Präsidentin der Organisation Pro Tzigania, Zory Müller, durch hohe Justizbeamte und einen Empfang bei Bundesrat Kurt Furgler im Bundeshaus am 13. Juni 1978. Wichtig war bei solchen Durchbrüchen, wie schon bei der Auflösung des
«Hilfswerks», immer auch die Wiedergabe der Anliegen der Fahrenden seitens der Medien.

In Erfüllung eines Vorstosses von Sergius Golowin im Grossen Rat des Kantons Bern tagte 1979 eine kantonale Kommission unter Einbezug von Abgesandten der Jenischen und verfasste einen Bericht mit Lösungsvorschlägen für die Probleme fahrender Bevölkerungsgruppen, welcher die Anliegen der Radgenossenschaft aufnahm und darstellte. 1979 gab die
Radgenossenschaft ihre Vorschläge bei der Vernehmlassung zur neuen
Bundesverfassung ab, die leider nicht berücksichtigt wurden. Der Kanton Aargau nahm aber 1980 die Schaffung von Stand- und Durchgangsplätzen für nichtsesshafte ethnische Minderheiten in seine Verfassung auf.
Unter der Präsidentschaft von Paul Bertschi und dem Sekretariat von Jürg M. Häfeli wurde in Gersau anlässlich des Gedenkens an die 450jährige Geschichte dieser altfreien Gemeinderepublik auf Vorschlag von Werner Camenzind die althergebrachte, aber 1832 vom Kanton Schwyz verbotene Fekkerchilbi vom 21. bis zum 23. Mai 1982 erstmals wieder durchgeführt, mit Radgenossenschafts-Verwaltungsrat Clemente Graff als verantwortlichem Altvater.
Jürg M. Häfeli gelang es auch, Pro Juventute und andere Institutionen zur Finanzierung eines fahrenden Sekretariats-Mobils der Radgenossenschaft zu verpflichten und Zugang zur Adresskartei des ehemaligen
«Hilfswerks» zu erhalten, um Familienzusammenführungen der auseinandergerissenen Eltern, Kinder und Geschwister zu erleichtern.

Die Radgenossenschaft im Jahr 1983
Der Sekretär der Radgenossenschaft nahm in diesem Jahr sein mobiles Sekretariat in Gestalt eines Dodge-Kastenwagens in Betrieb. Das Departement des Innern finanzierte die Anschaffung mit
50'000.– Franken aus dem Prägegewinn des Gotthard-Talers, die Stiftung Pro Juventute finanzierte die Sekretariatsarbeit von Jürg Häfeli mit Fr.
30'000.–
Der Zürcher Kantonsrat behandelte im Januar 1983 ein Postulat von Ulrich Hedinger und Peter Roth zur Lage der Fahrenden.
Die Ende 1982 gegründete Gesellschaft Minderheiten in der Schweiz thematisierte an ihrer Eröffnungsveranstaltung im Februar 1983 und seitdem immer wieder auch die Thematik der Jenischen.
Der Zürcher Stadtrat beschloss die Planung eines Standplatzes für Fahrende in Zürich-Nord, was auf lautstarke Opposition von SVP-Quartierpolitikern stiess.
Vom
13. – 16. Mai 1983 wurde die zweite wiedererneuerte Fekkerchilbi in Gersau durchgeführt, mit zahlreichen Ständen, Veranstaltungen und Konzerten.

Sekretär Jürg Häfeli moderierte im Rahmen des Alternativen Lokalradios LoRa in Zürich eine Sendung zur Thematik der Jenische, Sinti und Roma unter dem Titel
«Bachtalo drom» (Gute Reise).
Am 26. September 1983 feierte die Radgenossenschaft der Landstrasse die Publikation des Berichts der vom Eidgenössischen Departement des Innern im Jahr 1981 eingesetzten Studienkommission, in welcher auch die Jenischen vertreten waren, über die Lage und Probleme des Fahrenden Volkes in der Schweiz, mit einem Apero, einem Horoskop und einer Pressekonferenz. Der auf der Titelseite mit einer Zeichnung von Walter Wegmüller geschmückte Bericht mit vielen wertvollen Informationen fand im In- und Ausland grosse Beachtung. Er diente seitdem auch vielen Schülerinnen und Schülern, Lehrenden, Journalisten und Forschenden als wertvolle
Informationsquelle.
Der Präsident der Internationalen Romani-Union, Dr. Jan Cibula, der Präsident der Radgenossenschaft, Paul Bertschi, die Vizepräsidentin Genoveva Graff und der Sekretär Jürg Häfeli reisten zum Roma-Festival in Chandigarh, Indien, das dort vom 29. Oktober bis 1. November 1983 vom Indian Institute of Romani Studies unter Prof. W.R.Rishi durchgeführt wurde. Die Delegierten aus der Schweiz wurden von Indiens Präsidentin Indira Gandhi persönlich begrüsst.
Die Radgenossenschaft unterstützte die Aktivitäten des Zentralrats der deutschen Sinti unter Romani Rose mit Solidaritätsschreiben.
All diese Aktivitäten und auch die stets weiterpublizierte Zeitschrift der Radgenossenschaft, das
«Scharotl», brachten eine grosse Medienpräsenz der Radgenossenschaft mit sich und trugen viel bei zur öffentlichen Wahrnehmung der Existenz, Lage und Geschichte der Jenischen, Sinti und Roma in der Schweiz und auch international.

Die Radgenossenschaft im Jahr 1984
Der 1983 erschienene Bericht der Studienkommission zu Lage und Problemen des Fahrenden Volkes in der Schweiz fand 1984 in Inland und Ausland weitere Verbreitung und Beachtung. Das gemächliche Tempo der Umsetzung seiner Empfehlungen (Stand- und Durchgangsplätze in allen Kantonen, historische Aufarbeitung, Förderung der Kultur und Lebensweise) entsprach jedoch nicht den Erwartungen der Jenischen.
1984 wurde besonders der Standplatz in Zürich-Nord aktuell, vor allem auch deswegen, weil die Stadt Zürich auf diesem vorerst noch provisorischen Platz für Fahrende in der Nähe der Kehrichtverbrennungsanlage Hagenholz kurzzeitig auch Clochards aus der Innenstadt einquartierte, wogegen sich die Fahrenden durch Mobilisierung der Öffentlichkeit wehrten.
David Burri begann 1984, zunächst noch im Rahmen der Radgenossenschaft, mit seinen Tourneen zur Präsentation der fahrenden Kultur. Die Suche nach Plätzen für diese erste Tournee war schwierig, sie kam jedoch zustande.
Der bisherige Präsident der Radgenossenschaft, Paul Bertschi, wurde abgelöst durch die Präsidentin Gina Graff.
Der wegen Drogenkonsum inhaftierte jenische Maler René Minder unterhielt während seiner Haftzeit eine Korrespondenz mit Sekretär Jürg Häfeli, insbesondere auch während seines Protest-Hungerstreiks.
Die Fekkerchilbi in Gersau wurde zum dritten Mal erfolgreich und mit grossem Medienecho durchgeführt.
Ein Aufruf zur Förderung eines Kulturzentrums der Fahrenden wurde am 7. Mai 1984 an den Zürcher Stadtpräsidenten gesandt.
Die Radgenossenschaft organisierte die offizielle Teilnahme der Schweizer Fahrenden am Papst-Besuch vom Juni 1984 in der Schweiz.

Die internationalen Kontakte zu andern Bürgerrechtsorganisationen der Roma und zu wissenschaftlich Interessierten wurde weiter gepflegt; die Radgenossenschaft bekundete insbesondere auch ihre Solidarität mit den Aktionen des Zentralrats deutscher Sinti und Roma. Mit Schreiben vom 28. 9. 1984 bestätigte Dr. Jan Cibula die Radgenossenschaft der Landstrasse als nationale Mitglied-Organisation der Internationalen Romani-Union.
Vergeblich war der Aufruf von Romani-Union und Radgenossenschaft an die UNO, eine Roma-Sondermarke herauszugeben.
Mariella Mehr publizierte einen Aufruf betreffend die Akten des Pro-Juventute-"Hilfswerks für die Kinder der Landstrasse" im Scharotl und gab damit dieser Thematik neuen Schwung. Die Aufarbeitung der Akten forderten auch andere Betroffene des Hilfswerks wie Teresa Grossmann-Wyss und Robert Huber, der spätere langjährige Präsident der Radgenossenschaft.
Am 19. September 1984 reichte SP-Nationalrätin Angéline Fankhauser eine parlamentarische Anfrage betreffend die Aufarbeitung der Geschichte des
«Hilfswerks für die Kinder der Landstrasse» ein.
Die Radgenossenschaft forderte die Übertragung der Zuständigkeit für die Anliegen der Fahrenden seitens des Bundes vom Departement für Justiz und Polizei zum Departement des Inneren. Dies wurde so beschlossen. Seit dem 1. Oktober 1984 ist das Bundesamt für Kultur der zuständige Ansprechpartner für die Umsetzung der Anliegen und Rechte der Fahrenden beim Bund.
Wegen dem Aufruf im
«Scharotl» zur Aufarbeitung der Geschichte des «Hilfswerks für die Kinder der
Landstrasse» und zur Öffnung des Aktenarchivs dieser Institution für die betroffenen Jenischen erlaubte die Pro Juventute dem Sekretär der Radgenossenschaft den Zutritt in dieses Archiv nicht mehr. Dieser war ihm kurzzeitig gestattet worden, um die Verbindung zwischen vom
«Hilfswerk» auseinandergerissenen Familienmitgliedern und die Auffindung vermisster Verwandter zu ermöglichen. Die Pro Juventute stellte auch die finanzielle Unterstützung des mobilen Sekretariats der Radgenossenschaft ein. Deshalb kündigte Sekretär Jürg Häfeli seine Stelle auf Ende Dezember 1984. Am 31. Dezember erschien der offene Brief mehrerer jenischer Betroffener der Aktivitäten des
«Hilfswerks» an Bundesrätin Elisabeth Kopp im Schweizerischen Beobachter.

Die Radgenossenschaft im Jahr 1985
1985 war ein Jahr des Neuanfangs und der politischen Dynamik für die Radgenossenschaft und die jenische Gemeinschaft. Alle nicht-jenischen Mitglieder (ausser Sergius Golowin) traten aus dem Verwaltungsrat aus. Die Arbeit als Sekretär, als
«Scharotl»-Redaktoren sowie als Pressesprecher teilten sich nach dem Rücktritt des nicht-jenischen Sekretärs Jürg Häfeli die Jenischen Clemente Graff und Venanz Boos. (Venanz Boos legte später seinen durch die Aktivitäten des
«Hilfswerks für die Kinder der Landstrasse» der Pro Juventute auf Boos abgeänderten Namen ab und führt seitdem wieder seinen jenischen Familiennamen Nobel.) Der im Februar 1985 zum Präsidenten der Radgenossenschaft gewählte Robert Huber war von Anbeginn an eine starke Leitfigur. Ein ähnlicher Prozess der Übernahme der Leitung und der Aktivitäten ging auch in der (schon 1913 gegründeten) schweizerischen Zigeunermission vor sich, in welcher Pasteur May Bittel die Zügel in die Hand nahm. Im Lauf des Jahres 1985 kam es auch zur organisatorischen Verselbständigung der Gruppe um David Burri, die seitdem als eigenständige Organisation unter dem Namen
«Fahrendes Zigeuner-Kulturzentrum» arbeitet.
Nach der vierten Feckerchilbi in Gersau besetzten die Jenischen mit zahlreichen Wohnwagen im Mai und Juni 1985 den Parkplatz des Luzerner Lido, um mit Nachdruck und grossem öffentlichem Echo einen Standplatz auch im Kanton Luzern zu fordern. In zähen Verhandlungen zogen die jenischen Lido-Besetzer zunächst auf die Luzerner Allmend weiter, bis am 24. Juli 1985 das Resultat der Aktion und der Verhandlungen lautete: Eröffnung eines provisorischen Standplatzes in der Nähe der Kehrichtverbrennungsanlage bei Emmen.
1985 hatte auch das Gespräch zahlreicher Betroffener mit Vertretern der Pro Juventute in der Obmannamtsgasse 2 stattgefunden, in dessen Verlauf die Herausgabe der Akten des
«Hilfswerks für die Kinder der Landstrasse» gefordert und Entschädigung des durch dieses Hilfswerk der Pro Juventute begangenen Unrechts verlangt wurde.

Durch Vermittlung von Hans Caprez wurde der Rechsanwalt Stephan Frischknecht aus Herisau mit der rechtlichen Aufarbeitung des vom
«Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse» betriebenen Zerstörungswerks an der Kultur und der Lebensweise des jenischen Volkes sowie des gegenüber den einzelnen Betroffenen begangenen Unrechs beauftragt; im Rahmen dieses Auftrags befasste sich Frischknecht mit dem Aufbau einer weiteren Organisation, der Stiftung
«Naschet Jenische» (Steht auf, Jenische). Der Herisauer Rechtsanwalt war aber im Jahr 1985 auch mit Gerichtsverfahren zur Abwehr von Vertreibungen Jenischer aus seit Jahrhunderten genutzten Stand- und Durchgangsplätzen, z.B. in Bonaduz (GR), beschäftigt. Diesen Fall führte er bis vor Bundesgericht.
Gleichzeitig nahm in Graubünden eine von der kantonalen Exekutive eingesetzte Kommission unter Einladung und Mitsprache der Fahrenden das Problem des Stand- und Durchgangsplatzmangels in Graubünden in Angriff.
Daneben fanden auch mit verschiedenen anderen Kantonen sowie mit einigen Gemeinden konkrete Verhandlungen betreffend Plätze statt. In eigener Regie mietete die Radgenossenschaft den Platz auf dem Monte Ceneri im Tessin. Ferner verhandelte die Radgenossenschaft mit den zuständigen Amtsstellen betreffend die Regelungen für Zugfahrzeuge von Wohnwagen-Gespannen und betreffend den gleichberechtigten Zugang von Fahrenden zu Leistungen des Sozialstaats.
Insgesamt brachte das Jahr 1985 einen Rückgang internationaler Aktivitäten der Radgenossenschaft und einen Höhepunkt militanter und kämpferischer jenischer Politik in der Schweiz mit den entsprechenden ersten Erfolgen.

Die Radgenossenschaft im Jahr 1986
Den Elan vom Erfolg der Lido-Besetzungs-Aktion in Luzern nahm die Radgenossenschaft mit ins Jahr 1986. Insbesondere in Graubünden kam Bewegung in die Verhandlungen mit dem Kanton, wenn auch einzelne Gemeinden wie Rodels vorerst nicht gewillt waren, eine Lösung mit den Fahrenden zu finden. Auch in Solothurn, Fribourg, Neuchâtel und in anderen Kantonen empfingen die Kantonsbehörden die Fahrenden zu Gesprächen, oft aus Anlass der Wegweisung von Fahrenden aus einzelnen Gemeinden (in Solothurn z.B. aus Niedergösgen).
Der Jurist Stephan Frischknecht vertrat die Radgenossenschaft anwaltlich und betrieb die Gründung einer separaten Organisation zur Aufarbeitung der Vergangenheit, die dann 1987 als
«Stiftung Naschet Jenische» formell gegründet wurde.
In langwierigen Verhandlungen zwischen Bund, Kantonen, Pro Juventute und den jenischen Betroffenen ging es um die Lagerung der Akten des
«Hilfswerks für die Kinder der Landstrasse» und um Schadenersatz und Genugtuung respektive
«Wiedergutmachung» des angerichteten Unrechts.
Nach der Pressekonferenz der Pro Juventute vom 5. Mai 1986 in Zürich überstürzten sich die Ereignisse. Die Jenischen waren gar nicht eingeladen worden, erschienen aber in einem grossen Aufgebot, angeführt von Mariella Mehr und Robert Huber. Sie machten die Pro-Juventute-Pressekonferenz mit einer eigenen Pressedokumentation zu ihrer eigenen Tribüne. Die in den Medien sehr ausführlich wiedergegebene Geschichte des
«Hilfswerks» sorgte, wie schon 1972 und 1973, für weit verbreitete Empörung. Der Präsident der Pro-Juventute, Alt-Bundesrat Rudolf Friedrich (FDP), hatte an der Pressekonferenz vom 5. Mai eine Entschuldigung verweigert, mit der Begründung:
«Eine Stiftung hat kein Unrechtsbewusstsein.»

Doch am 3. Juni 1985, bei der Debatte des Postulats von Angéline Fankhauser (SP), sprach Bundespräsident Alfons Egli (CVP) eine offizielle Entschuldigung des Bundes für das unter dessen Oberaufsicht geschehene und von Bundessubventionen finanzierte Unrecht der Kindswegnahmen an den Jenischen aus.
Die Verhandlungen betreffend Akten und Vergangenheitsaufarbeitung gingen in einem Gremium mit Vertretern des Bundes, der Kantone und der Pro Juventute weiter. Jenische Abgeordnete gab es
in diesem Gremium keine, sie waren durch ihren Anwalt Stephan Frischknecht nur indirekt vertreten.
Der Bund finanzierte die Arbeit der Radgenossenschaft der Landstrasse im Jahr 1986 mit
Fr. 50'000.- aus dem Prägegewinnn des Gotthard-Talers von 1985.
Das Sekretariat der Radgenossenschaft wurde in einen Wohnwagen verlegt.

Die Radgenossenschaft im Jahr 1987
Im Frühjahr 1987 richtete Präsident Robert Huber an der Freilagerstrasse 5 in Zürich ein festes Büro der Radgenossenschaft mit mehreren Räumen und guter Ausstattung ein. Die 1987 erstmals ausbezahlte reguläre Subvention des Bundes für die Radgenossenschaft erlaubte es, neben einem bescheidenen Salär für den Präsidenten (Fr.
1200.– pro Monat), eine Sekretärin, Claudia Ferrara, fest anzustellen. Somit wurde es für die Radgenossenschaft möglich, mit dem Bund, allen Kantonsregierungen, vielen Gemeinden sowie zahlreichen anderen Organisationen und Personen in kontinuierlichen Schriftverkehr zu treten. Rundbriefe an alle Kantone, die teilweise erst nach dem zweiten oder dritten Schreiben ernst genommen und beantwortet wurden, führten in vielen, aber bei weitem nicht in allen Kantonen, etwa in Graubünden, St. Gallen, Thurgau. Luzern und Solothurn, zu guten Kontakten zwischen den Vertretern der Fahrenden und der Behörden. Mehrere Plätze konnten so gesichert, geplant oder eingerichtet werden; es trafen aber auch abstruse Ablehnungen ein. So empfahl die Gemeinde Buchs SG den Schweizer Fahrenden, sich doch lieber
«im nahegelegenen Fürstentum Liechtenstein» nach einem Platz umzusehen als in Buchs.
In diversen kantonalen Gesprächsgruppen wurden auch andere, oft mit den Auseinandersetzungungen um Plätze zusammenhängende oder in Zusammenhang gebrachte Themen ausdiskutiert (Präsentation der Jenischen und der ausländischen Fahrenden in den Medien; Abfallentsorgung und Infrastruktur auf den Plätzen; Abwehrhaltung unter Teilen der Anwohner etc.).
Auch das Jahr 1987 war mit den Aktivitäten der nun formell gegründeten Stiftung
«Naschet Jenische» («Steht auf, Jenische!»), zahlreichen Presseartikeln und Fernsehsendungen ein Jahr, in dem die Anliegen der Jenischen deutlich, doch teilweise kontrovers ausgedrückt und wahrgenommen wurden. Mit dem
«Verein Kinder der Landstrasse» bildete sich eine Konkurrenzorganisation zur Stiftung
«Naschet Jenische». Die 1986 versiegelten Pro-Juventute-Akten des «Hilfswerks für die Kinder der
Landstrasse» wurden im Sommer 1987 ins Bundesarchiv überführt und dort in einem separaten Räumchen eingemauert. Doch die schon im Bericht der Studienkommission von 1983 empfohlene wissenschaftliche Aufarbeitung der Geschichte und der Akten der Pro-Juventute-Aktion gegen die Fahrenden stiess auf Widerstände. Nach der Schubladisierung einer
"«orstudie zur Geschichte des Hilfswerks der Landstrasse» und der Ablehnung eines Nationalfondsprojekts von Hanspeter Müller, Clo Meyer und Thomas Huonker, das von allen Organisationen der Fahrenden offiziell unterstützt worden war, publizierten die Radgenossenschaft und der Limmat-Verlag im Dezember 1987 das von Thomas Huonker geschriebene Buch
«Fahrendes Volk - verfolgt und verfemt. Jenische Lebensläufe» mit den protokollierten Lebensgeschichten von elf Schweizer Jenischen.

Die Pro Juventute ihrerseits feierte 1987 ihr 75jähriges Jubiläum mit einer Broschüre des Politikers und Historikers Sigmund Widmer. Darin wurde das vom
«HilfswerkW gegenüber den Jenischen begangene Unrecht beschönigt, was Proteste der Betroffenen auslöste.
Dr. iur. Rudolf Waltisbühl entschuldigte sich in einem Schreiben an die Betroffenen für seine Dissertation aus dem Jahr 1943 mit dem Titel
«Die Bekämpfung des Landstreicher- und Landfahrertums in der Schweiz», worin er unter Zitierung nazistischer Schriften die Zwanggssterilisation
«erbkranker Landfahrer-Typen» empfohlen hatte.
Das Wirken von immer mehr Organisationen (Stiftung Naschet Jenische, Verein Kinder der Landstrasse, Fahrendes Zigeuner-Kulturzentrum, Mission Tzigane, Pro Tzigania) neben der Radgenossenschaft brachte einige Turbulenzen und teilweise scharf ausgetragene Uneinigkeiten mit sich. Der Bund anerkannte die Radgenossenschaft der Landstrasse als schweizerische
Dachorganisation der Fahrenden.
Weiterhin suchten viele Studierende und Publizisten den Kontakt zur Radgenossenschaft, um ihre Arbeiten zur Thematik Fahrende in konkretem Kontakt und mit dem Einverständnis der Erforschten zu erarbeiten. Die Caritas legte der Radgenossenschaft ihr Projekt einer Broschüre zur Lage der Fahrenden in der Schweiz vor.

Die Radgenossenschaft im Jahr 1988
Die im Jahr 1987 an alle Kantone versandten Briefe betreffend Plätze für Fahrende führten in einigen, aber längst nicht in allen Kantonen zur konkreten Planung von neuen Plätzen oder zur Einberufung von Arbeitsgruppen (mit Teilnahme der Jenischen selber) zur Besprechung des Problems. Auf dem bestehenden Platz Châtillon in Posieux (FR) wollte die Behörde den Abbruch der auf anderen Standplätzen tolerierten Vorbauten zu den Wohnwagen verfügen. Die Planung des Platzes in Allmendingen (BE) kam zum Abschluss.
Eine Umfrage des Bundesamtes für Kultur ergab, dass 650 der 3058 Schweizer Gemeinden die Einrichtung eines Platzes für Fahrende grundsätzlich ablehnten; die Vertreter von 2100 Gemeinden gaben an, noch nie von den Problemen und Anliegen der Fahrenden betreffend Plätze vernommen zu haben. Die Umfrage ist abgedruckt im Buch von Maria Zürcher-Berther
«Fahrende unter Sesshaften», herausgegeben vom Bundesamt für Kultur, Basel 1988. Dort findet sich auch ein Verzeichnis der damaligen offiziellen Plätze für Fahrende in der Schweiz.
An der Feckerchilbi 1988 konnten die Jenischen Alt-Bundesrat Alphons Egli und Bernhard Hahnloser vom EDI-Generalsekretariat begrüssen. Alphons Egli übernahm dann Ende 1988 die Leitung der Fondskommission, welche die Modalitäten der
sogenannten «Wiedergutmachungszahlungen» an die vom «Hilfswerk für die Kinder der
Landstrasse» Verfolgten regeln sollte; Remigius Kaufmann präsidierte die parallele Aktenkommission, welche die Einsicht in die Akten regeln sollte.
Die Radgenossenschaft war am Marktfest in Diessenhofen (TG) präsent. Robert Huber referierte an diversen Tagungen und Veranstaltung, so hielt er einen Vortrag über die Probleme der Fahrenden an der Veranstaltung Scuntrada der Gesellschaft Minderheiten Schweiz in Scuol (GR).

In Zürich und Graubünden wurden parlamentarische Vorstösse für die Anliegen der Fahrenden eingereicht. Der Zürcher Kantonsrat lehnte knapp eine Motion von Renata Huonker und Felix Müller ab, welcher die gegenseitige Anerkennung der Wandergewerbepatente durch alle Kantone verlangte, eine Lösung, die erst im Jahrt 2000 verwirklicht wurde. Eine Interpellation im Bündner Grossen Rat von Christian Theus warb um Verständnis für die Anliegen der Fahrenden.
Die BBC-Reporterin Cathrin Clay realisierte einen Dokumentarfilm
(«Children of the open Road») über das «Hilfswerk» und interviewte darin auch Dr. Benedikt Fontana, Leiter der Psychiatrischen Klinik Waldhaus Chur. Dieser hatte in seiner Dissertation noch im Jahr 1968 die Argumente des
«Hilfswerks» übernommen. Familie Mehr, angeführt von Mariella Mehr, verlangte bei der Universität Bern vergeblich die Aberkennung von Fontanas Doktortitel für diese Arbeit, die sich ausschliesslich mit dieser jenischen Familie befasste und ihren Mitgliedern kollektive schlechte Eigenschaften und erbliche Minderwertigkeit unterstellt. (Vgl. Scharotl Nr. 4/1988)
Die eben gegründete
«Gesellschaft für bedrohte Völker Schweiz» organisierte am 28. September ein Treffen von jenischen Betroffenen mit Parlamentariern in Bern. In der Folge beschäftigten sich einige der anwesenden ParlamentarierInnen genauer mit der Thematik. Aktivste Kraft dieser Parlamentariergruppe war Monika Stocker. In der Folge engagierte sie sich zusammen mit anderen Parlamentariern für die spätere Gründung der
«Stiftung Zukunft für Fahrende», die schliesslich 1996 zustande kam. Die Parlamentariergruppe hatte auch eine Aussprache mit Bundesrat Flavio Cotti, dem Nachfolger von Alphons Egli an der Spitze des EDI, betreffend die Zahlungen zur
«Wiedergutmachung», die Akteneinsicht und die wissenschaftliche Aufarbeitung dieses Kapitels der Schweizer Vergangenheit. Ein geplantes Treffen von Bundesrat Cotti mit Vertretern der Jenischen selber sagte dieser im Dezember 1988 kurzfristig wieder ab.
(Thomas
Huonker)

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